Veranstaltungen

20. Begegnungstag der ASS 
 am 24. März 2012,  Thema: Sucht im Alter   
Bericht von Leonie und Gila
 
Haben in der Öffentlichkeit auch mehr die Alkoholauffälligkeiten der Jugend („Komasaufen“ etc.) Beachtung, so zeigt sich in unserer täglichen Suchtkrankenarbeit ein anderes Bild. Dieser Begegnungstag bot Freunden, Förderern, Gruppenmitgliedern, Aktiven und Mitgliedern der ASS Gelegenheit, sich mit dem Thema "Sucht im Alter" näher zu beschäftigen. Der Vorsitzende Hajo von Uffel begrüßte die ca. 70 Personen, die das Angebot angenommen hatten und unserer Einladung nach Griesheim ins Bürgerhaus am Kreuz gefolgt waren.
Namentlich wurden begrüßt:
  • Frau Barbara Akdeniz, Sozialdezernentin der Wissenschaftsstadt Darmstadt
  • Frau Anette Mott, Stadt Griesheim, als Vertreterin für Frau Bürgermeisterin Winter
  • Herr Detlef Betz, Referent für Suchtfragen im Diakonischen Werk für Hessen-Nassau, Nachfolger von
  • Frau Sonja Linke. Sie wird heute mit Blumen verabschiedet
  • Herr Berthold Kilian, ebenfalls früherer Referent für Suchtfragen im DW und der ASS seit vielen Jahren verbunden.
  • Frau Kirsten Delfs, Referentin und Therapeutin der Salusklinik in Friedrichsdorf und Leiterin der dortigen Senioren-Gruppe
  • Dr. Dietmar Kramer, Ärztlicher Leiter der Salus-Klinik und Referent zum Tagesthema
  • Frau Ineke Debrus und Frau Bruckner-Weber, beide aus dem Haus Burgwald
  • Herr Andreas Glock vom Diakonischen Werk Darmstadt
  • Herr Volker Weyel vom Kommunlaen Präventionsrat Deutschland
  • Herr Hagen Geis als Vertreter der Guttempler
  • Herr Bernd Nagel, Stiftung Waldmühle
  • Herr Günther Krüger von der ev. Kirchengemeinde Leeheim
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Das Grußwort von Frau Barbara Akdeniz beleuchtete die Thematik aus der Sicht einer Sozialrefentin. Sie bedankte sich im Namen der Wissenschaftsstadt Darmstadt für unser Engagement, überbrachte Grüße von Herrn Oberbürgermeister Jochen Partsch. Ein bislang zu wenig  beachtetes Thema und ein Anlass für Debatten im Gesundheitswesen sei das riskante Trinken bei älteren Menschen. Hier fehle die angemessene Hilfe. Außerdem bestehe ein hoher Bedarf auch bei Fachkräften an Weiterbildung zu diesem Thema. Frau Akdeniz sieht bei dieser Problematik die Gefahr der Isolation und Vereinsamung der älteren Menschen und die Schwierigkeit, ohne Hilfe in der Lebensgestaltung wieder eine andere Richtung zu bekommen. Hierbei sei die Suchtselbsthilfe ein ganz wichtiger Baustein im Kooperationsgefüge. Der Vorsitzende Hajo von Uffel bedankte sich, auch für die wesentliche finanzielle Zuwendung der Stadt Darmstadt, ohne die vieles nicht möglich wäre.
Frau Anette Mott war als Vertreterin der Stadt Griesheim gekommen, die der ASS diese Räumlichkeiten zur Verfügung stellte. Auch sie dankte uns für unsere aktive Arbeit an der Basis. Sie sei froh über die zusätzliche Beratungsstunde, die in Griesheim von der ASS angeboten wird. Frau Mott wünschte uns viel Erfolg, neue Ideen und gute Gespräche für diesen Tag.
Herr Detlef Betz, der Nachfolger von Sonja Linke im Amt des Referenten für Suchtfragen im Diakonischen Werk,ließ von Herrn Dr. Gern, dem Vorstandsvorsitzenden des DW, grüßen. Er selbst war viele Jahre als Referatsleiter im Pflegerischen Dienst in der Diakoniestation tätig gewesen. Herr Betz nannte einige Zahlen, die unterstreichen, wie aktuell das Tagesthema dieser Veranstaltung ist. Immer mehr ältere Menschen greifen zur Flasche (400.000 von ihnen sind über 60 Jahre alt).  300.000 pflegebedüftige Menschen befinden sich in einer Form von Abhängigkeit. Besonderes Augenmerk in Zukunft auch auf pflegende Angehörige zu richten war sein zusätzlicher Appell.
Herr Berthold Kilian, unser "Urgestein", lieferte ein kleines Intermezzo. Er half bei der Gründung der ASS, hat sich für den Verein, der Mitglied im Diakonischen Werk ist, eingesetzt. Er betonte, dass es Sucht im Alter schon immer gegeben habe. Alkohol in Maßen sei eine tolle Sache für einen Menschen, der alt wird. Voraussetzung dafür sei allerdings die Mäßigkeit. Für allein gelassene Menschen sei das schwer zu lösen. Sein Rat: "Wenn Sie alt werden, seien Sie vorsichtig mit Medikamenten und Alkohol!"
Frau Sonja Linke, die scheidende Referentin für Suchtfragen im DW, wurde mit Blumen verabschiedet und gab ihrer Freude Ausdruck, zu diesem Anlass viele bekannte Gesichter aus ihrer langen Zusammenarbeit mit der ASS zu sehen.
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Vortrag von Dr. Dietmar Kramer: Die Statistik belegt, dass Deutschland älter wird. Derzeit sind 22 % der Bevölkerung über 60 Jahre alt. Aktuell sind 3,5 % der Deutschen über 80 Jahre alt, im Jahr 2020 werden es 6,6 % sein. Altersarmut und Suchterkrankungen im Alter nehmen zu. Ein bis zwei Millionen älterer Menschen sind medikamentenabhängig. Die Drogenabhängigkeit setzt sich im Alter immer weiter fort. Von Pflegekräften wird geschätzt, dass 14 % der von ihnen betreuten Menschen in einer Form von Abhängigkeit sind. 26 % der Männer und 8 % der Frauen über 60 Jahre trinken täglich.
Jahrzehntelange Abhängigkeit hat schwerwiegende körperliche und psychosoziale Folgen. Dabei sind Menschen, die später in die Abhängigkeit kommen,  besser zu erreichen. Alkoholverträglichkeit nimmt im Alter ab, da die Leber weniger aktiv ist und langsamer abbaut. Medikamenteneinnahme interferiert mit Alkoholkonsum, die Verträglichkeit ist im Alter geringer. Hausärzte erkennen alkoholbezogene Störungen bie Älteren seltener als bei Jüngeren (37 % versus 60 %)! Der Grund dafür ist, dass Folgeschäden nicht oder nicht so gut sichtbar auftreten: Appetitverlust, Stimmungsschwankungen, Schwindel, Durchfälle, häufige Stürze haben im Alter oft auch andere Gründe.
Medikamente sind in dieser Altersgruppe ein noch größeres Problem, sie sind deutlich verbreiteter als Alkohol. Viele Medikamente haben ein Suchtpotenzial, insbesondere Schlaf- und Beruhigungsmittel. Medikamentensucht wird auch "Stille Sucht" genannt: es gibt keinen Rausch, keine Fahne, der Betroffene muss nicht in Kneipe. Allein, still und heimlich konsumiert er seine Suchtmittel. Es gibt kein Bewusstsein, süchtig zu sein: Immerhin werden die Medikamente vom Arzt verordnet. "Niedrigdosisabhängigkeit" verschleiert die Problematik. Wie Alkohol wirken auch Beruhigungsmittel und Schmerzmittel schwächend auf die Muskeln ein. Häufige Stürze sind die Folge.
Die Quote der Raucher unter Älteren ist geringer als bei Jüngeren. Frauen rauchen seltener als Männer. Immer mehr 50, 60, 70jährige sind  heroinabhängig. Sie bekommen verordnete Opiate und sie werden substituiert. In Rotterdam gibt es ein Seniorenwohnheim für über 55jährige suchtkranke Menschen!
Es gibt einige Besonderheiten bei der Sucht im Alter: Der Eintritt in das Rentenalter ermöglicht die freie Gestaltung des Alltags, Leere wird häufig durch Alkohol kompensiert.
Alten Menschen wird Veränderungspotenzial abgesprochen. Es gibt die Meinung, man solle sie in Ruhe lassen und ihnen den  Alkohol gönnen. Resignation, Hilflosigkeit, Unwissenheit über Behandlungsmöglichkeiten sowie Fehleinschätzungen in der Diagnose sind weit verbreitet. Auch der soziale Status verändert sich im Alter: Die Mobilität wird geringer, dadurch vermindert sich die Teilnahme am öffentlichen Leben, soziale Kontakte und soziale Kontrolle nehmen ab.
Der Verlust des Partners/der Partnerin führt viele ältere Menschen, besonders Frauen, in die Vereinsamung. Einsamkeit, Trauer, Angst vor Siechtum und Tod sowie das Nachlassen körperlicher Fähigkeiten müssen bewältigt werden. Kriegs- und Nachkriegserlebnisse wurden nicht bearbeitet. Ältere Menschen plagen sich häufig mit Schuld- und Schamgefühlen und können oft nicht über ihre Gefühle sprechen. Sie sind weniger agressiv, haben eine höhere Frustrationsgrenze, sind gelassener. In der Seniorengruppe ist ein besserer Austausch als in jüngeren Altersgruppen möglich. Das bedeutet: Man kann mit ihnen gut arbeiten!

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Dieser Aspekt wurde nach einer ausgiebigen Mittagspause vertieft. Man traf wieder zusammen zu einem Gedankenaustausch, begleitet von Frau Kirsten Delfs.
Aus Sicht der Therapeutin ist bei Gesprächen mit Senioren ein besserer Austausch möglich als bei jüngeren Altersgruppen. Dies sei eine gute Voraussetzung für eine gemeinsame Therapie in der Gruppe. In der Salus-Klinik werde Wert darauf gelegt, dass die Patienten ihre Freude am Leben wieder zurückgewinnen. Sie nehmen an der Gruppentherapie teil und, falls möglich, auch an sportlichen Betätigungen. 6 - 8 Wochen sind aber nach Meinung der Therapeutin aber zu kurz für eine Therapie, umso wichtiger sei es, die Patienten auf die Zeit nach der Therapie gut vorzubereiten.

Fragen und Stellungnahmen aus dem Publikum:
  • Viele ältere Menschen haben schlecht gelernt, mit ihren Kriegs- und Nachkriegserlebnissen zu leben. Scheinbar sind diese mit Alkohol und Medikamenten besser zu bewältigen.
  • Die Katamnese (Entwicklung nach Abschluss der Behandlung) bei Älteren unterscheidet sich nicht wesentlich von der jüngerer Patienten.
  • Die Nachsorge und Betreuung durch Selbsthilfegruppen klappt in der Regel gut.
  • Wer stoppt den Medikamentenmissbrauch?  Antwort: Man muss an verschiedenen Ansatzpunkten versuchen, gegenüber dieser Thematik zu sensibilisieren.
  • Ein Großteil der Klienten kommt über die Beratungsstellen in die Fachklinik, weniger über Ärzte oder aus eigener Motivation.
  • Was tun Krankenhäuser bei Entzugserscheinungen?
  • Wie kann es sein, dass beim Medizinstudium eine Krankheit nicht gelehrt wird, die schon lange anerkannt ist?
  • Machen Anti-Depressiva süchtig? Die Frage wurde mit mit "nein" beantwortet.
  • Thema Freizeitgestaltung ist sehr wichtig!
  • Was kann ich zu Hause weitermachen?
  • Ältere Menschen sind auch oft überfordert mit der Versorgung der eigenen Eltern.
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Dieser Austausch, begleitet von Kaffee und Kuchen, war ein harmonischer Ausklang des Begegnungstages.

 

Alkohol- und Sucht-Selbsthilfe e.V., im Agaplesion Elisabethenstift, Erbacher Str. 29, 64287 Darmstadt
Mitglied im Diakonischen Werk Hessen und Nassau