ASS-Pressemitteilung

Schluss mit dem Wahnsinn Alkohol
Alkohol- und Suchtselbsthilfe Südhessen (ASS) besucht Psychiatrie-Museum der Vitos-Klinik in Riedstadt

Riedstadt/Darmstadt, 16. Mai 2013 – Erstaunte Blicke, manchmal betretenes Schweigen, viele Zwischenfragen – so lässt sich der Besuch der Alkohol- und Suchtselbsthilfe Südhessen (ASS) im Museum der Vitos-Klinik, Riedstadt, zusammenfassen. Die Besucher waren mit dem Thema bestens vertraut: 25 Männer und Frauen, vielfach alkoholabstinent lebende ehemalige Patienten und deren Angehörige, lauschten am Wochenende mit großem Interesse dem engagierten Vortrag von Ernst Isler. Der ehemalige Technische Leiter der Vitos-Klinik betreut seit 1972 mit mehreren Mitarbeitern das Psychiatrie-Museum und hat es mit liebevoller Kleinarbeit und seinem engagierten Vortragsstil zu einer weit über Riedstadt hinaus bekannten Institution gemacht.
 
Bier als Medikament
Viele Exponate verdeutlichen den manchmal grausamen, oft auch ratlosen Umgang mit psychisch kranken Menschen in früheren Zeiten. Bestes Beispiel sind etwa schwere Hand- und Fußfesseln aus Eisen. Besondere Betroffenheit machte sich breit, als Isler erläuterte, dass um das Jahr 1600 eine Brauerei auf dem Gelände der Heilanstalt gegründet wurde. Psychisch auffällige Personen erhielten damals – so Isler – vermutlich des öfteren Bier, um sie ruhig zu stellen. Gut 300 Jahre später machte dann der erste festangestellte Arzt der Klinik Schluss mit dem Experiment, Bier als Beruhigungsmittel zu verabreichen. „Vielleicht hat er schon damals geahnt, dass es so etwas wie eine Abhängigkeitserkrankung gibt, auch wenn das eine Erkenntnis des 20. Jahrhunderts ist“, so Isler.

„Bier als Medikament und nicht als punktuelles Genussmittel – das haben wir lange genug genauso gemacht“, sagte eine Teilnehmerin. „Jetzt ist Schluss mit dem Wahnsinn Alkohol.“ Abhängigkeit gilt heute häufig als entgleiste Selbstbehandlung bei der das selbst verordnete Medikament Alkohol nach einer Dauereinnahme die Nebenwirkung Abhängigkeit zeigt.

Dass in Riedstadt, im Stadtteil Goddelau wurde der Gesellschaftskritiker und Dichters Georg Büchner („Woyzeck“) geboren, immer schon modern gedacht wurde, zeigte sich – so Isler – an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Damals wurde in Riedstadt von 1889 bis 1906 die weltweit vermutlich modernste Psychiatrie unter dem Namen "Großherzogliche Landesirrenanstalt" für 3,6 Millionen Goldmark erbaut.

Raus aus der Zwangsjacke Alkohol
Dennoch blieben bis zur Entdeckung moderner psychiatrischer Medikamente in den 1950er-Jahren Zwangsjacken ein wichtiges Instrument, um etwa Psychosen und andere Formen des „Wahnsinns“ in den Griff zu bekommen. Das Museum zeigt alte Exponate, die von den Patienten in der Weberei selbst gefertigt wurden.
 
„Wir haben viel zu lange mit der Zwangsjacke Alkohol unsere psychischen Probleme selbst bekämpft, bis wir endlich eine bessere Lösung gefunden haben“, betonte Gitta Sturm. „Gott sei Dank ist Alkoholabhängigkeit heute eine nicht selbst verschuldete Krankheit.“ Sie organisierte den Besuch gemeinsam mit Reinhold Schönhaber. Beide sind ASS-Gruppenleiter in Groß-Gerau, sprechen heute offen über ihre Erkrankung. In Groß-Gerau treffen sich jeden Freitag (18 Uhr bis 19.30 Uhr, Schulstraße 17) Personen, die ihren Alkoholkonsum hinterfragen, Veränderungen versuchen möchten oder abstinent leben.

Alkoholkonsum: Reduktion ist eine Option

Bei der ASS erhalten Personen, die Fragen zu ihrem Alkoholkonsum haben oder diesen verändern möchten, aber auch Personen aus dem Umfeld, kostenlos und vertraulich Informationen. Gespräche erfolgen auf Wunsch anonym. „Reduktion ist für uns eine wichtige Option, um zu prüfen, wie der weitere sinnvolle Umgang mit dem Thema Alkohol aussieht“, betont Arthur Rheinländer, Leiter der ASS-Gruppe Goddelau.

Die ASS ist Mitglied im Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Die Selbsthilfe-Organisation wurde 1984 von Menschen, die ihre Alkoholprobleme bewältigt haben, und deren Angehörigen gegründet. An zehn Standorten (Arheilgen, Darmstadt, Goddelau, Griesheim, Groß-Gerau, Heppenheim, Leeheim, Ober-Ramstadt, Pfungstadt, Reinheim) bieten geschulte Berater die Möglichkeit, den eigenen Alkoholkonsum auch im Zusammenhang mit weiteren Problemen wie etwa Stress in Beruf und Familie oder anderen psychischen Problemen wie Angst und Depression zu reflektieren und Veränderungen zu erproben. Es kann eine Vermittlung in das breit gefächerte Angebot ambulanter, teil- oder vollstationärer Unterstützungsmaßnahmen erfolgen.

Neben der Beratung bietet die ASS dreizehn Selbsthilfegruppen (darunter zwei Frauengruppen) an. Eine Teilnahme an diese Gruppen erfordert keine Abstinenz. Sie ist kostenlos und ohne Anmeldung möglich. Eine Liste mit Uhrzeiten und allen Orten finden sich unter www.ass-darmstadt.de, telefonische Auskunft unter 0160/97728587.

Hinweis für die Redaktionen: Druckfähiges Bildmaterial kann auf Wunsch honorarfrei zur Verfügung gestellt werden.

Kontakt:
Alkohol- und Sucht-Selbsthilfe e.V.
Erbacher Straße 29
64287 Darmstadt
http://www.ass-darmstadt.de
info@ass-darmstadt.de

Ansprechpartner
Hajo von Uffel
0160/97728587

 

Alkohol- und Suchtselbsthilfe e.V., im Agaplesion Elisabethenstift, Postfach 11 01 19, 64216 Darmstadt
Mitglied der Diakonie Hessen